«Der schönste Ort meiner Karriere»

Gstaad, 17. September 2026 - Viele dürften bei der 37. Country Night auf die Rückkehr von Superstar Dwight Yoakam nach 34 Jahren gespannt gewesen sein. Doch die diesjährige Ausgabe bot weit mehr: Amber Rae sorgte mit Country-Pop für ein starkes Heimspiel, der Texaner Drake Milligan brachte traditionellen Country mit jugendlicher Energie, und die Appalachian Road Show begeisterte mit virtuoser Musik aus den Bergen.

Wenn mitten in einem Song begeisterte Zwischenrufe durchs Festivalzelt gehen und das Publikum nach einem Instrumentalsolo spontan applaudiert, braucht es keine weiteren Beweise: Bei der Appalachian Road Show ist der Funke übergesprungen. Die fünf Musiker nahmen das Publikum mit in die Welt der Appalachen, geprägt von kleinen Bergdörfern, Armut und harter Arbeit, aber auch von Hoffnung und Lebensfreude. Davon erzählen Bluegrass und Old-Time Music seit Generationen. In Gstaad klang dabei nichts verstaubt. «Authenticity never goes out of style», sagt die Band selbst.
Bei «Broken Bones» verband sich Barry Abernathys rauchig-samtene Stimme mit dem mehrstimmigen Harmoniegesang und dem virtuosen Spiel seiner Bandkollegen. Jim VanCleve liess bei «Hell Broke Loose in Michigan» seine Fiddle regelrecht fliegen. Dass der Teufelsfiddler im Oktober in die National Fiddler Hall of Fame aufgenommen wird, erstaunt kaum.

Das Gute liegt so nah
Guter Country-Nachwuchs kommt nicht nur aus den USA, wie Amber Rae eindrücklich bewies. Die junge Ostschweizerin hatte den kürzesten Weg nach Gstaad, musste sich vor der amerikanischen Konkurrenz aber keineswegs verstecken. Bestens unterstützt von ihrer Band, brachte sie das Publikum bereits beim zweiten Song zum Mitklatschen. Für einen Opener herrschte ungewöhnlich früh gute Stimmung im Zelt.
Die meisten ihrer Country-Pop-Songs schreibt Amber Rae selbst, und der Stil passt gut zu ihrer Stimmfarbe. Bei «Homeless» zeigte sie ihre verletzliche Seite, während sie mit Gretchen Wilsons «Redneck Woman» auch ihre kecke Seite zum Vorschein brachte. «Mit dem Auftritt in Gstaad ist ein lang gehegter Traum in Erfüllung gegangen», sagte sie. Ihr Song «Dreams the Size of Texas» lässt erahnen, dass noch einige weitere Träume auf ihre Verwirklichung warten.
Dass Countrymusik auch bei einer jungen Generation Anklang findet, zeigte Drake Milligan. Im Gegensatz zu Amber Rae schlägt das Herz des 28-jährigen Texaners für traditionellen Country. Er zeigte sich publikumsnah, ging durch die Reihen, schüttelte Hände und legte ein kurzes Tänzchen hin. Fiddle und Steelgitarre brachten Dance-Hall-Feeling ins Zelt. «Sounds Like Something I’d Do» sorgte für Tempo, «Dance of a Lifetime» für Walzerklänge zum Mitschunkeln und bei «Long Haul» zeigte er sein schauspielerisches Talent.
«Wir haben unseren europäischen Fans viel zu verdanken», sagte Milligan. Dank seiner sympathischen Auftritte ausserhalb Amerikas ist er für den CMA International Artist Achievement Award nominiert. In Gstaad habe die Band mit einer «listening crowd» gerechnet. Schmunzelnd fügte er hinzu: «Ich weiss, dass man in Gstaad gut zuhört, und bin dankbar, dass nach jedem Song geklatscht wurde. Das nehmen wir als Kompliment.»

Genie und Extravaganz
Mit Dwight Yoakams Rückkehr nach 34 Jahren gelang dem Organisationskomitee um Marcel Bach ein besonderer Coup. Manches erinnerte an damals: Die Jeans sitzt noch immer eng, der Cowboyhut tief im Gesicht, und musikalisch ist der zweifache Grammy-Gewinner sich treu geblieben. Sein Country ist geprägt vom Bakersfield Sound, jenem raueren Gegenentwurf zum polierten Nashville-Sound. Dazu kommen Honky-Tonk und die musikalischen Wurzeln seiner Heimat Kentucky. 25 Songs quer durch vier Jahrzehnte präsentierte er, darunter «Honky Tonk Man», «Guitars, Cadillacs», «Streets of Bakersfield» und das wunderschöne «A Thousand Miles from Nowhere».
Auch «Nothing’s Changed Here» stand auf dem Programm. Der Titel passte zum 69-Jährigen, der seit Jahrzehnten seinen eigenen Weg geht. Am Samstag entschuldigte sich Yoakam vor ausverkaufter Kulisse für die Soundprobleme vom Vortag und suchte sichtlich den Kontakt zu seinem Publikum. Mehrmals unterbrach der Perfektionist die Band mitten im Lied, weil für ihn etwas nicht stimmte. Der Klang war deutlich besser, auch wenn die erhoffte Nähe zum Publikum nicht entstehen wollte. Manchmal liegen Genie und Extravaganz nahe beieinander.

OK-Präsident Marcel Bach zeigt sich mit dem Festivalwochenende zufrieden und betont: «Bei allem, was auf dieser Welt geschieht, ist es wichtig, sich auf das Positive zu konzentrieren.» Barry Abernathy von der Appalachian Road Show sagte nach seinem Auftritt jedenfalls mit einer Überzeugung, die keinen Zweifel offenliess: «Gstaad ist der schönste Ort, an dem ich in meiner Karriere spielen durfte. Das wird uns ganz lange in Erinnerung bleiben.» Sein Bandkollege Darrell Webb nickte zustimmend. Ein schöneres Kompliment kann man einem Festival wohl kaum machen.

Die nächste Country Night Gstaad findet statt am 10. und 11. September 2027.

Text: Daniela Müller-Smit

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